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Am 24. Mai 2018 diskutierten Frau Professor Doktor Keller von der Universität Hamburg, Hauptpastorin und Vizepräsidentin des Lutherischen Weltbundes Frau Kleist sowie Yannick Regh, SPD Bezirksabgeordneter aus Hamm anlässlich der 325 Jahrfeier der evangelischen Gemeinde zu Hamburg-Hamm zum Thema „Den Wandel in Gesellschaft und Kirche wahrnehmen, annehmen und gestalten“.

Der folgende Text ist das Redemanuskript von Yannick Regh für den eingangs vorgetragenen Beitrag zur Diskussion:

 

„Sehr geehrte Frau Krüger,

sehr geehrter Herr Pastor Kühn,

sehr geehrte Frau Kleist und Frau Professor Doktor Keller,

sehr geehrte Damen und Herren,

zuerst erstmal möchte ich mich bei Ihnen herzlich für die Einladung zu dieser Veranstaltung bedanken. Ich glaube, dass die Themen, über die wir hier heute sprechen, über die wir diskutieren vielleicht auch streiten werden, zu jeder Zeit für die Institution Kirche, die Gläubigen und die Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. Zumal dieser Austausch von Gedanken einen besonderen Anlass durch den 325ten Geburtstag der evangelischen Gemeinde zu Hamburg-Hamm hat. In diesem Sinne also: Happy Birthday.

Wie Frau Krüger bereits sagte: Mein Name ist Yannick Regh und ich bin mit 26 Jahren der jüngste Abgeordnete in der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte, der als Sozialdemokrat von den Hammerinnen und Hammern direkt gewählt worden ist.

Und ich bin heute hier, um über meine Perspektive von kirchlicher Arbeit vor Ort, in unserer Nachbarschaft, in unserem Stadtteil zu sprechen – so sagt das zumindest die Einladung. Ich hoffe, dass ich die Erwartungen auch erfülle. Als Katholik kann ich dann auch noch gerne ein paar Gedanken dazu beisteuern, wie man es falsch machen kann – in den letzten Wochen und Monaten war das ja jeder Zeitung zu entnehmen.

„Den Wandel in Gesellschaft und Kirche wahrnehmen-annehmen-gestalten“. Bei der Kirche reden wir über eine Institution, die sich seit Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden für das Wohl der Menschen einsetzt. Wie sie das tut, weiß heute keiner so genau. Eine Institution, die in jedem Winkel der Republik vertreten ist, einen hohen Stellenwert hat und dennoch von Mitgliederschwund aber auch Glaubwürdigkeitsverlust ein Lied singen kann. Fällt Ihnen was auf? Das könnte man genauso gut über die großen deutschen Parteien sagen. Heutzutage kann man in seinem Umfeld, vor allem aber, wenn man neue Menschen antrifft, mit zwei schlichten Sätzen für Irritationen sorgen:

Ich engagiere mich politisch – und –

Ich glaube an Gott.

Für wen ist also das Christentum, ob evangelisch oder katholisch, relevant? Oder anders gefragt: wie kann Kirche in Zeiten von Individualisierung, auch von stärker werdenden Egoismen, der Veränderung von sozialen Milieus oder anderen Triebfedern des Wandels in der Gesellschaft weiterhin für die Gläubigen und die Gesellschaft relevant bleiben? Vielleicht sogar den Glauben stärken und Menschen für den christlichen Glauben gewinnen?

Ich bin der Überzeugung, dass die aufsuchende und nicht die abwartende Kirche Relevanz für unsere Gesellschaft und auch für unseren Stadtteil hat. Ich wünsche mir eine Kirche, die aktiv auf die Menschen zugeht, das Gespräch sucht und nicht ausschließlich darauf wartet, dass sich Anwohnerinnen und Anwohner in ihre Räumlichkeiten verirren und man sie dann ansprechen kann. Und ich wünsche mir eine Kirche, die die Menschen in ihren Leben unterstützt. Eine Kirche, die sich um das Wohlbefinden der Menschen kümmert, im wahrsten Sinne auch Seelsorge betreibt.

Hamm ist in seiner Geschichte ein klassisches Arbeitervierteil gewesen, viele Menschen blieben hier nach dem Wiederaufbau über Jahrzehnte wohnen. Also damals eine ziemlich homogene Gruppe von Menschen. Die Einwohnerstruktur wandelt sich allerdings seit einiger Zeit und das stellt uns vor neue Herausforderungen. Da der Stadtteil so citynah gelegen ist und über vergleichsweise günstigen Wohnraum verfügt, ziehen viele junge Menschen in freiwerdende Wohnungen im Stadtteil und der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung verringert sich:

Insgesamt sind 14 Prozent der Anwohnenden älter als 65 Jahre (also deutlich weniger als im Landesschnitt) und 12 Prozent sind jünger als 18 Jahre. Knapp 68 Prozent leben in Einpersonenhaushalten und 62 Prozent sind in sozialversicherungspflichtigen Jobs, was im Landesschnitt sechs Prozent über den Durchschnitt liegt. Auch ich gehöre zu dieser Gruppe.

Also in einem verkürzten Satz: hier leben vor allem mehr und mehr Einzelpersonen, die studieren, in Ausbildung sind oder einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgehen. Das führt aus meiner Sicht dazu, dass viele Menschen nebeneinander herleben, seit vielen Jahren zum Teil und diese Gruppe sucht im Grunde genommen, so zumindest meine Wahrnehmung besonders unter den jüngeren Menschen, nach Orten der Begegnung, des Austausches, des sozialen Kontakts und nach einem gemeinsam gestalteten sozialen Raum, der Geborgenheit und Wohlbefinden bietet. Diese fehlen auch noch immer im größeren Maße in unserem Stadtteil und sind von der Politik auch schwer vorzuschreiben. Beispielsweise kulturelle Angebote oder auch kommerzielle Möglichkeiten wie Cafés und ähnliches entwickelt sich mehr und mehr, aber zum Teil auch nur langsam. Politik kann dabei meistens auch nur versuchen zu unterstützen. Sozialer Kontakt entsteht aber nicht nur durch Räumlichkeiten der Begegnung, sondern auch durch das Aufsuchen der Menschen wo sie sind, zuhause zum Beispiel in gewohnter Umgebung.

Kurzum: die Menschen wünschen sich eine lebenswerte Nachbarschaft. Eine lebenswerte Nachbarschaft entsteht immer dann, wenn Vereine, Institutionen wie die Kirchen, Gewerbetreibende, soziale Einrichtungen und engagierte Anwohnerinnen und Anwohner Angebote ermöglichen wo Menschen zwanglos zusammenkommen können und sich gerne aufhalten. Egal wie individualistisch unsere Gesellschaft auch sein und werden mag, am Ende suchen wir Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft kann die Institution Kirche bieten.

Und ich gehöre noch zu einer weiteren Gruppe von Menschen, die im öffentlichen Diskurs eher als Problem, denn als Chance dargestellt werden: zu denen mit Migrationshintergrund. Als blonder und blauäugiger Mann falle ich zwar niemandem so richtig auf, aber das ist ein anderes Thema. Und nein, der Migrationshintergrund ist nicht schwedisch.

Also in Hamm leben 18 Prozent der Menschen ohne deutschen Pass und 36 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Also über die Hälfte der Menschen in Hamm haben Wurzeln im Ausland. Das kann im Alltag eine Herausforderung sein, aber auch eine Chance, aber in jedem Fall muss man in einer heterogenen Gesellschaft noch stärker den Zusammenhalt unterschiedlichster Menschen organisieren.

Außerdem haben wir in Hamm, nahezu medial unbemerkt, mit die meisten Geflüchteten seit 2014 im Bezirk Hamburg-Mitte aufgenommen und an einem Runden Tisch gemeinsam für gute Integrationsmöglichkeiten gesorgt. Da hat sich auch diese Gemeinde stark engagiert mit Herrn Pastor Kühn wofür ich sehr dankbar bin, diese Unterstützung auch in meiner politischen Arbeit immer wieder durch Gemeindevertreter erfahren zu haben. Und mich wundert dieses Engagement nicht, aus dem einfachen Grund, dass das christliche Menschenbild zur Zuneigung beiträgt. Im Christentum heißt es doch, dass ein jeder Mensch das Ebenbild Gottes ist. Und genauso steht im Grundgesetzt nicht: die Würde der Deutschen ist unantastbar, sondern die Würde des Menschen ist unantastbar.

Ich wünsche mir daher weiterhin eine Kirche, die auf Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund zugeht und Brücken baut, damit alle Teil dieser Gesellschaft werden und sich auch als Teil dieser Gesellschaft fühlen können.

Und das ist mit einer der wichtigsten Aspekte von Kirchenarbeit vor Ort oder nennen wir es „gelebtes Christentum“, sich für seine Nachbarinnen und Nachbarn einzusetzen und zu unterstützen, wenn diese nicht aus eigener Kraft im Stande sind, sich selbst zu helfen. Das umfasst auch der Politik aus seiner alltäglichen Arbeit zu signalisieren: hier müsst ihr vielleicht umsteuern.

Ich möchte das beispielsweise an zwei weiteren Gruppen von Menschen in unserem Stadtteil festmachen: Alleinerziehende und Kinder in Mindestsicherung. Das sind knapp 3.000 Betroffene in Hamm. Könnte man sich hier nicht die Frage stellen, wie man die alleinerziehenden Mütter oder alleinerziehenden Väter und die Kinder gleichermaßen mit Angeboten unterstützen kann? Damit meine ich nicht materiell, sondern durch Seelsorge und kostenlose bzw. kostengünstige Angebote in Elternschulen. Oder ein Wochenendangebot wo kostenlos die Kinder betreut werden und spielen und Alleinerziehende nebenan ein Kaffee trinken zusammen mit Gemeindemitgliedern, wo man über den Alltag oder anderes reden kann und Kind wie Elternteil sich sorglos für einen Moment Ruhe gönnen.

Diese Art von Begegnung, Gemeinschaft, Unterstützung und Seelsorge macht das Christentum im Alltag von Menschen relevant.  Kirche kann und muss wie Politik den Anspruch haben zum Zusammenhalt der Gesellschaft beizutragen, Brücken zu bauen, Menschen unterschiedlicher Biografien zusammenzubringen und den Wandel in Gesellschaft nicht nur wahrzunehmen und anzunehmen, sondern auch und vor allem zu gestalten. Und mit ein wenig Glück sorgen die Sätze:

Ich glaube an Gott – und –

Ich engagiere mich politisch,

Nicht mehr für ganz so viel Irritation, sondern für Zuspruch und ein gemeinsames Gespräch über Gott und die Welt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und ich freue mich auf die Diskussion und Ihre Fragen.“